Sonntag, 3. November 2013

Jippie, endlich wieder ein veganer Selbstversuch!

Anlässlich des Weltvegantags am 1.11. hat eine NDR-Journalistin das Abenteuer gewagt, und bei mir für einige Facepalm-Reaktionen gesorgt.
Und das geht direkt beim Frühstück los; O Wunder, es ist ja gar nix Veganes im Kühlschrank!

Ein veganes Frühstück gibt mein Kühlschrank nicht her - Müsli mit Wasser wäre die einzige Möglichkeit. Also lade ich meinen Freund, der normalerweise morgens gern Salami, Mett und Teewurst isst, zum veganen Frühstück in einem Teehaus in Hamburg-Eppendorf ein. Wir bestellen Dinkel-Pfannkuchen, Hirse mit Vanilleschaum und ein Sandwich mit Räuchertofu. Ein gesundes Frühstück zum Runterkommen. Total lecker, besonders das Sandwich, ist unser Fazit.
Keine Aufbackbrötchen und ein Glas Marmelade da? Egal, war zumindest ganz schlau, das Frühstück den Profis zu überlassen. Mittags geht das leider nicht:

Die NDR Kantine bietet heute zwei vegetarische Gerichte an: Blumenkohl mit Semmelbröseln und Nudeln mit Wok-Gemüse. Aber ist das auch vegan? Nein. In den Bröseln ist Butter, in den Nudeln Ei. Also esse ich Salat mit Sojasauce und trockene Kartoffeln. Traurig sieht das aus. Und glücklich macht es auch nicht. Sehnsüchtig schaue ich auf den buttergetränkten Blumenkohl meiner Kollegin und habe wilde Gedanken an Sauce Hollandaise, schmelzende Butter oder überbackenen Käse.
Die typische "Ess ich halt nen Salat"-Notlösung. Man hätte höchstens noch Kartoffeln mit Wok-Gemüse kombinieren können. Ich würde nen Salat ja auch so nem in Butter ersoffenen Blumenkohl vorziehen, aber damit stehe ich wohl alleine da.

Außerdem plagt mich die Frage: Wie gesund ist vegan leben eigentlich? Das frage ich Manfred James Müller, Leiter der Ernährungswissenschaften an der Universität in Kiel. "Veganer haben ein geringes Risiko für Herzinfarkt und Darmkrebs", sagt er. Allerdings müssten sie darauf achten, dass sie genügend Vitamin B12, Jod und Calcium zu sich nehmen. Nur während der Schwangerschaft, der Stillzeit und der Kindheit sei eine vegane Ernährung kritisch. Erkenntnis: Veganer müssen nicht nur drauf achten, was sie essen, sie müssen auch wissen, was in ihrem Essen drin ist oder eben fehlt.

Bei einem einzigen Tag vegan dürfte das Gesundheitsrisiko sich in Grenzen halten. Die Aussage des Ernährungswissenschaftlers finde ich ganz okay.

In der Hoffnung, dass mein Abendessen ausgewogener sein wird als das Mittagessen, mache ich einen Einkaufszettel. Ich habe Gäste eingeladen. Es soll Nudeln mit Bolognese und mit Käse-Spinat-Sauce geben. In meinem Stamm-Supermarkt stehe ich gestresst vor dem Kühlregal. Ist was Tierisches in dem Tiefkühl-Spinat? Sind die Fette im Tomatenmark pflanzlich? Gibt es veganen Käse? Ich bitte eine Verkäuferin um Hilfe. Sie geht die Zutatenlisten mit mir durch. Ganz schön anstrengend das Einkaufen, wenn man keine Ahnung hat.
Wie kann man denn bitte einen Tag eine fremde Ernährungsform praktizieren und sich am Abend schon befähigt fühlen, danach zu kochen?!? Das Vorgehen zeigt, dass sie sich null mit veganer Ernährung auseinandergesetzt hat, sondern die Vorstellung hat, dass sie einfach kocht wie immer und die Tierprodukte durch vegane Produkte ersetzt. Veganes Essen ist aber keine Ersatzernährung, sondern was eigenständiges. Und hätte man für ein Essen, was explizit vegan sein soll, nicht vielleicht was anderes, als etwas, dass schon im Namen nen Haufen Tierprodukte trägt, auswählen können?
Im veganen Supermarkt in Hamburg findet sie dann aber doch alles.

Als Testesser für mein veganes Menü habe ich ein paar Freunde eingeladen: drei Männer und drei Frauen. Ein weiterer Freund hat entschieden abgesagt: "Veganes schmeckt nicht", meint er. Was werden die sagen, die sich an mein veganes Essen trauen? Auf dem Tisch stehen: Chips, Cracker, Schokolade, Parmesan, Brot, zwei Sorten Nudeln mit Sauce, pflanzliche Chicken-Nuggets und Zwiebelmett - selbstgemacht aus Reiswaffeln.

Tja, so ist das wenn man vorher groß ankündigt, dass alles vegan ist - da wird gleich die Nase gerümpft.

Auch die Bolognese schneidet nicht schlecht ab. "Aber da fehlt was hinten raus", kritisieren die Testesser.
Ich wette, wenn die nicht gewusst hätten, dass es vegan ist, hätten sie bloß gesagt "Schmeckt irgendwie anders als sonst, aber lecker". 

Absolut fertig gemacht werden die Chips ("Schwach auf der Brust"), die Nuggets ("Schmecken nur nach Panade") und die teure Schokolade ("Wie die billige im Adventskalender"). Und mein zwiebelmettliebender Freund kann sogar was Nettes über die vegane Mettalternative sagen: "Nicht mit Mett vergleichbar. Aber sonst ein guter Brotaufstrich." Fazit der Gäste: "Es war lecker - trotzdem."
Na toll. Da wurde jetzt EINE Sorte Chips gekauft, die haben nicht geschmeckt und jetzt sind gleich alle veganen Chips doof. Das Zwiebelmett nix mit Mett zu tun hat, sondern bloß so aussieht, teile ich.
Das Fazit ist ein bisschen traurig. Zumal die Gäste jetzt für alle Zukunft eingehämmert haben, bloß nie vegane Chips oder Schokolade zu kaufen. Schmeckt ja nicht.

Und wie ist mein veganer Tag gelaufen?, frage ich mich, als ich zwischen Geschirrbergen in der Küche sitze. Mein Kopf sagt: "Das war anstrengend." Noch nie hab ich so viel über Essen und die Produkte, die ich kaufe, nachgedacht. Ich war beim Kochen und Einkaufen selten auf so viel Hilfe angewiesen wie heute. Ständig musste ich nachfragen oder recherchieren. Mein Bauch sagt: "Das war fast immer lecker." Besonders das vegane Frühstück und das selbst gekochte Essen haben geschmeckt.
Einen Tag lang irgendwas neues zu machen ist immer anstrengend...Und wenn man sich ein bisschen besser vorbereitet hätte, hätte man vlt auch nicht so viel Hilfe gebraucht. Dem Fazit hört man an, dass im Hinterkopf wohl "Was ein Glück dass der Mist endlich vorbei ist" herumgeisterte:

Fazit: eine großartige Übung, um bewusster zu leben. Aber: Morgen freue ich mich auf meinen Lieblings-Wollpulli und eine Currywurst.

Also weiterleben wie zuvor, höchstens vielleicht mal zum Frühstücken in das vegane Restaurant gehen.


Nachzulesen ist der Bericht >hier< Da gibts auch ne Fotostrecke.

Kommentare:

  1. Bei dem Satz "Noch nie hab ich so viel über Essen und die Produkte, die ich kaufe, nachgedacht" hat sie den Zusatz "und werde es auch in Zukunft nicht mehr." vergessen.

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    1. *g* da haste recht... wenn man sich inhaltlich null mit veganismus beschäftigt, dann ist es einfach nur lästig, sich drum zu kümmern. klar dass das dann ne einmalige angelegenheit bleibt

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  2. " Ich würde nen Salat ja auch so nem in Butter ersoffenen Blumenkohl vorziehen" Ich definitiv auch.

    Gott, was ein armer Beitrag.... glaubt die allen Ernstes daß man sich bei so einer Umstellung erst mal nicht anstrengen muss? Mir fällt es erst nach einem Jahr relativ leicht einzukaufen ohne auf alles draufzuschauen. Aber hauptsache mal schlecht gemacht....

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  3. Ein typischer Fall von Pudding - Vegetarier ähh Veganer. Mehr kann man dazunicht sagen. Das das Umsteigen von "Noch nie hab ich so viel über Essen und die Produkte, die ich kaufe, nachgedacht" zu bewusster Ernährung(1) einfach so geht hat ja nie jemand behauptet, oder? Ein interessanterer Selbstversuch wäre gewesen einen Tag, besser mehrere Tagen, einen vegan Lebenden Menschen zu begleiten.
    Bzgl. der Schokolade: Die einzige schokolade, die ich von der Qualität her akzeptiere ist sowieso ohne Milch. Wer jedoch Milka und so weiter als lecker empfindet hat m.E. sowieso kein recht ein Meinung über Schokolade abzugeben. Chips sind eigentlich
    auch von Natur aus vegan - du guten zuminderst.

    (1) anders kann man hierzulande m.E. ncih vegan leben.

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    1. Ich mag Milchschokolade. Nun esse ich eben Reismilchschokolade. Die schmeckt mir auch, aber schliesslich bin ich ja offenbar auch Schokoladenbanausin! :D

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    2. Mag sein ;-) Ich persönlich mag halt nur hochprozentige Sachen. Ein wenig Extremismus muss Mann sich doch gönnen, oder?
      Ernst gemeinte Frage: Schon mal richtige hochwertige Schokolade getestet?

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    3. Ooohhh ja... da gibt es einige gute Sorten, die dafür eben mehr kosten, aber ich finde die Preise gerechtfertigt. Da könnte ich mich glatt reinlegen!

      Die Idee, einen vegan lebenden Menschen zu begleiten (möglichst ohne viel Verschnitt seiner Aussagen) finde ich persönlich empfehlenswert. Sollte mal ein Sender machen, dann aber nicht im 5 Minuten Format. Und ohne irgendeine Flachpfeife, die keine Ahnung von der Materie hat.

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    4. ich oute mich auch mal als milka-typ... mir schmeckt das bittere zeugs einfach nicht. geschmäcker sind verschieden, ich würde jetzt nicht jedem, der die über70% nicht mag, schlechten geschmack attestieren.
      und ich finde vegane schokolade meist viel zu teuer; die rohstoffe sind nicht so hochpreisig, dass der hohe endpreis echt nicht gerechtfertigt ist.

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    5. Weiss nicht. Bisher mochte ich jedenfalls noch keine dieser bitteren Schokoladen. Aber ist schon möglich, dass ich DIE Superschokolade einfach noch nicht getestet habe.

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  4. Im Prinzip genau das gleiche Vorgehen, wie letztens in der Bild der Frau...
    kann man nur den Kopf schütteln drüber...
    Jemand der sich auskennt, der schon lang vegan lebt, zu begleiten, wär auch mein Vorschlag. Wird doch sonst von Reportern oft so gehandhabt, ich weiss nicht, warum bei diesem Thema nicht...

    LG
    Jessi

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  5. Ach, das finde ich ja sehr traurig. Bis auf das Frühstück hat die Journalistin ja nicht mal ansatzweise die vegane Vielfalt ausprobiert. Sieht so aus, als hätte sie für den Beitrag nicht so viel recherchiert...
    LG Anne

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  6. Ich dachte, sie ist Journalistin von Besuch?? Noch nie versucht, sich vor ihrem "Vegan-Tag" mit intensiven Recherchen über die vegane Lebensweise auseinanderzusetzen?
    Ist doch total klar, dass sie scheitert, wenn sie gar nicht versucht sich zu informieren. Außerdem würde ich auch am ersten Tag noch nicht versuchen, 100 verschiedene Gerichte perfekt zu machen und andere dran teilhaben zu lassen, sondern vielleicht versuchen, ein veganes Gericht für mich (und evtl. eine andere Person) zu machen. Echt arm, dieser Bericht!

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  7. Ich versteh nicht wieso Veganer weniger Jod zu sich nehmen? Die meisten Menschen nehmen Jod doch nur über jodiertes Salz auf, deswegen ist es ja jodiert...

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  8. Oh je, wie naiv. Sie hat ja nicht einmal vorher eingekauft sondern kommt erst im Tagesverlauf auf die Idee. Ich denke, jeder Neu-Veganer (mich inklusive) stand am Anfang länger an den Regalen als sonst. Dabei ist vegan einkaufen sehr einfach. Ich habe sogar letztens kurz darüber geschrieben: http://www.salatrepublik.de/2013/11/01/einkaufen-im-supermarkt

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  9. Bloß nicht zu tief in die Materie eintauchen, könnte ja weh tun...

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  10. Hi. Ich starte eine Bloggeraktion. Es soll ein Adventskalender mit 24 Türchen geben und somit suche ich auch 24 Blogger, die mitmachen mcöhten. Mehr kannst du hier lesen:
    http://shebelievesindestiny.blogspot.de/2013/11/bloggeraktion-adventskalender.html

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  11. also das ist wohl die schlechteste Redakteurin aller Zeiten. Und jetzt nicht nur wegen dem veganen Thema. Lasst sie das nächste Mal doch nen Bericht über Marathon oder Triathlon verfassen.....ihr Fazit wird dann wohl sein: außer anstrengend nur noch anstrengend :)

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