Ja, ich auch noch! Ich hatte eigentlich schon als ich meinen Blog begonnen habe, beschlossen, meine Essstörung nicht zu thematisieren. Nicht weil ich Angst hatte oder mich geschämt habe, schließlich schreibe ich anonym, sondern weil ich nicht wollte, dass irgendjemand denkt, Veganismus wäre eine Essstörung. Es gibt schon genug Vorurteile, und ein Veganer wird ja immer als Repräsentant für die ganze Veganerschaft gesehen; hat Allesesser X mal einen komischen Veganer kennengelernt, sind das gleich alles Spinner, hat er mal nen Tofu natur gekostet und eklig gefunden, sind gleich alle Sojaprodukte widerlich.
Ich habe mich jetzt doch entschlossen, offen zu meiner Essstörung zu stehen. Was heißt offen; ich bin ja trotzdem noch anonym. In meinem Leben wissen meine Familie und die meisten meiner Freunde davon. Ich schreibe hier ja nicht sooo viel persönliches, von daher habe ich nicht direkt das Gefühl, etwas vorgelogen zu haben, aber irgendwo habe ich doch etwas verschwiegen.
Nachdem sich aber so viele andere Bloggerinnen dazu bekannt haben, und es hauptsächlich positive Resonanz dazu gab, will ich jetzt auch damit raus. Ich fand es tröstlich, dass ich mit dem Problem nicht allein bin, gerade wenn ich die vielen leckeren Essensfotos der anderen sehe, fühle ich mich oft minderwertig, weil ich immer daran denke, dass ich es nie schaffen würde, einen ganzen Kuchen zu backen und ihn nicht gleich alleine aufzuessen. Das ist auch einer der Gründe, wieso es bei mir keine Rezepte und wenig Essens-Fotos gibt. Es ist selten vorzeigbar, da ich bei allem, was richtig lecker ist, Angst habe, zu viel zu essen.
Was heißt es bei mir konkret?
Ich bin bulimisch-magersüchtig, offiziell nennt sich das Krankheitsbild "atypische bulimia nervosa". Mein Ex-Therapeut meinte ca. 70% Bulimie, 30% Magersucht, das heißt ich bin sowas wie ne Magersüchtige, die s nicht so gut hinkriegt. Ein gestörtes Essverhalten hatte ich schon als Jugendliche, habe mich immer zu dick gefühlt, und versucht abzunehmen. Geklappt hat das erst als ich Anfang 20 war. Eine Beziehung ging zuende, ich musste aus der gemeinsamen Wohnung wieder zu meiner Mutter ziehen; gleichzeitig lief es im Studium schlecht und mir sind alle Kontakte aus der Schulzeit weggebrochen; mit der Familie hatte ich mich verkracht, und meine Mutter war entweder nie da oder wir haben uns gestritten.
Tja, und was macht Mausflaus, wenn sie Probleme hat? Sie denkt sich "Wenn ich erst dünn bin, wird alles besser" und macht ne Diät. Ich habe angefangen, Kalorien zu zählen, was auch gut geklappt hat. So habe ich mich innerhalb von ca. einem halben Jahr von 57kg auf 47kg runtergezählt. Zu Anfang war es toll, man bekommt Komplimente, kann sich selbst gut fühlen weil man merkt wie die Pfunde purzeln und man fitter wird. Es fiel mir aber immer schwerer, Disziplin zu halten, und so begann ich mit der Kotzerei. Ich hatte das als Jugendliche schon ein paar Mal ausprobiert, aber wieder aufgegeben. Dieses mal blieb ich dabei und rutschte immer weiter ab. Ich habe zum Glück relativ schnell gemerkt, dass ich da nicht mehr selbst rauskommen konnte. Also bin ich erst zu einer Selbsthilfegruppe, dann kümmerte mich um eine Therapie. Nach 2 Jahren ambulanter Psychotherapie und einem Monat stationär ging es mir schon deutlich besser. Von sowas ist man leider nie "geheilt", aber mittlerweile bin ich übern Berg. Ich halte mein Gewicht, kann auf andere Leute zugehen, lache, ziehe mein Studium weiter durch und habe mein Leben einigermaßen im Griff.
Von "normal" bin ich zwar noch weit weg, aber so wie es jetzt ist, komme ich klar. Ich erbreche nur noch sehr selten (im letzten Jahr vielleicht 5mal), vom Kalorienzählen bin ich allerdings immer noch nicht weg. Ich habe einfach zu sehr Angst, zuzunehmen. Ich kann mit meinem Gewicht, so wie es jetzt ist, gut leben, aber es soll auf keinen Fall mehr werden. Ich sehe relativ dünn aus, was auch ein Grund ist, wieso ich den Veganismus nicht so offen nach außen trage; ich möchte nicht das Klischee vom mangelernährten, dürren Körnerfresser verbreiten.
Ich hoffe, dass niemand, der das hier liest sich jetzt denkt "Ha, ich habs doch gewusst: Veganer sind alle essgestört" und erstmal ins Steak beißt. Veganismus ist keine Essstörung. Es gibt Überschneidungen; z.B. beschäftigen sich Veganer und Essgestörte mehr mit Ernährung als andere, und treffen ihre Nahrungsmittelauswahl nicht nur nach Lust und Laune, außerdem sind sie in ihrer Nahrungsmittelwahl eingeschränkt. Es kann auch sein, dass das eine das andere begünstigt, aber ich glaube nicht, dass Veganismus irgendwie zu Essstörungen führt. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass Veganer häufiger als "normalos" Essstörungen haben, weil der Großteil derselben Gesellschaftsgruppe angehört: Junge, gebildete Frauen aus der Mittelschicht. Bei mir war es so, dass ich schon als Jugendliche essgestört war, mit ca. 15 wurde ich vegetarisch und mit knapp 20 vegan. Dann rutschte ich in die Essstörung ab, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das so oder so passiert wäre.
Veganismus hat mit Essstörungen also so viel zu tun wie mit Nagellack oder Haargummis.
Puh, ist das lang geworden, aber ich wollte nicht einfach nur so n "Ach übrigens, ich hab ne Essstörung" in den Raum werfen, sondern etwas dazu erklären.
Ich werde in Zukunft aber nicht viel zum Thema schreiben, da es bei mir nicht mehr so akut ist und ich euch auch nichts vorjammern will.
Aber eins will ich noch "beichten": In der schlimmsten Zeit war ich kein bisschen vegan. Bulimie bedeutet zwanghaftes Essen und ich habe einfach alles gegessen was ich kriegen konnte. Wer so verzweifelt ist, dass er es sich antut, nach den Fressorgien den Finger in den Hals zu stecken bis Blut fließt, der schreckt nicht davor zurück, anderen, nämlich den Tieren, Leid anzutun.
Manchmal habe ich immer noch Rückfälle, mir fällt es immer noch schwer, Essen, was verfügbar ist, zu widerstehen. Ich versuche diese Situation zu vermeiden, aber wenn ich an Weihnachten von Arbeitskollegen ein Tütchen Plätzchen hingestellt bekomme, dann ist das leider schneller weg, als ich überlegen kann, wem ich es schnell schenken könnte. Aber ich arbeite dran, und es bringt nichts, sich deswegen ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich gebe mir Mühe, aber das übersteigt im Moment noch meine Kraft.