Montag, 16. Juli 2012

Rezension: "Landleben - Von einer, die rauszog" von Hilal Sezgin

Landleben am Strandleben ^^
Ich habe den Urlaub genutzt, um Hilal Sezgins "Landleben" zu lesen. Viele von euch kennen das Buch sicher, da Hilal als vegane und muslimische Journalistin viel zum Thema Schächten, Tierethik, Religion publiziert. In ihrem Buch gehts, wie der Untertitel "Von einer, die rauszog" beschreibt, um das Abenteuer, als Stadtkind aufs Land zu ziehen. Hilal hat genug von Frankfurt und träumt von einem romantischen Leben auf dem Land. Sie verliebt sich in ein Haus in der Lüneburger Heide, richtet es ein, und staunt über die Lebensgewohnheiten, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Dörfler. Ein Großteil des Buches dreht sich um ihr Leben mit den Tieren. Katzen bringt sie aus Frankfurt mit, und nach und nach häufen sich immer mehr Schafe, Hühner und Gänse, die sie beobachtet, betüdelt und pflegt. Ihre Beschreibungen lesen sich sehr schön; weder „vermenschlicht“ sie die Tiere bzw. wenn sie dies tut, merkt sie das selbstkritisch an; noch verromantisiert sie sie; aber trotzdem beschreibt sie die individuellen Persönlichkeiten. Dazu stellt sie immer wieder ethische Überlegungen an. Soll sie das Huhn was sie dem Landwirt „abgerettet“ hat, sterben lassen, wie es das ohnehin bald getan hätte; oder teuer und schmerzvoll operieren lassen? Einem Lamm wachsen die Augenlider nach innen, was sehr schmerzhaft ist. Die Lider (ohne Betäubung) nach oben zu tackern bringt keine Linderung, erst eine teure OP hat Erfolg. Außerdem hat das Schaf Darmprobleme, sodass es operiert und seither täglich mit Salbe behandeln muss. Für mich ist da die Grenze erreicht. Nicht nur wegen dem persönlichen Aufwand; ich glaube es wäre für das Schaf das beste zu sterben. Aber wenn man so nah dran ist, ist die Entscheidung wohl um ein Vielfaches schwerer.

Nebenbei erzählt sie auch so einiges über Tierproduktproduktion und –konsum. Sie besucht einen Biohof mit über 10.000 Hühnern. „Gesext“ wird da auch, außerdem stellt man aufgrund der viel zu großen Herde das Problem, dass die Hühner sich ständig gegenseitig hacken; eine feste Hackordnung funktioniert nur bis ca. 25 Stück. Die übriggebliebenen Hühner, die Hilal mitnimmt, sind dann auch entsprechend gerupft, erholen sich aber schnell. Bei der Gelegenheit informiert Hilal über die moderne Tierzüchtung; die Tiere sind so überzüchtet, dass sie alle möglichen Probleme haben und auf Dauer gar nicht überlebensfähig sind. 

Solche Abschnitte sind aber eher kurz, die meiste Zeit schreibt sie vom Einmachen von Früchten, ihre kläglichen Gärtnerversuche, dem Bau von Hühnerställen, Tierarztbesuchen, ausbüxenden Schafen, Freundschaften und Lebensart auf dem Land.

Gegen Ende wird auch der Veganismus thematisiert. Anfangs ist sie noch Vegetarierin, später wird sie vegan, hält aber für Gäste auch Tierprodukte bereit und bei Einladungen ist sie auch eher unkonventionell. Die Hühnereier werden verschenkt, ansonsten ist das einzige was sie von den Tieren „hat“ Freude und Geselligkeit.
Die Kapitel

Das Buch liest sich leicht und locker, ist aber ernsthaft geschrieben. Hilal hat einen sehr angenehmen Sprachstil, der sehr verständlich und klar ist, aber trotzdem abwechslungsreich. Sie moralisiert nicht, stellt sich aber selbst ethische Fragen, wofür sie oftmals keine Lösung weiß. Sie weckt Sehnsucht nach dem Landleben, verschweigt jedoch nicht die negativen Seiten. In der Danksagung am Ende schreibt sie „Dieses Buch ist aus Freude und Dankbarkeit entstanden“, und das merkt man ihm auch an. Als Freizeitlektüre würde ich das Buch empfehlen, aber nur wenn man sich ein bisschen für Natur und Tiere interessiert.

Kommentare:

  1. oh das klingt echt toll!
    Kommt sofort auf meine Sommerferien-Bücherliste ;)

    lg Lena

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  2. Hi :)

    gerade vor Kurzem hatte ich über Hilal irgendwo einen Artikel gelesen.
    Was ich, deiner Beschreibung nach, sehr sympathisch finde, sind die fehlenden Antworten auf etliche Fragen, die sich selbst stellt.

    Es ist wirklich häufig schwierig, in jedem Fall mit allgemeingültigen Antworten auf diverse Fragen aufzuwarten. Zumal manche Antworten eben auch nur solang richtig sind, bis sie sich als falsch erweisen.

    Klingt wirklich sehr sympathisch.

    Liebe Grüße,
    Gregor :)

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    1. ich habe auch über sie gelesen, in der Schrot&Korn :)

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  3. Hm klingt auf jeden Fall sehr interessant :)
    Mal sehen ob ich die Sommerferien noch dazu komme, es mir zu besorgen, es gibt ja noch sooo viel, was ich noch lesen möchte.

    Danke für diese hilfreiche Rezension
    Und Liebe Grüße :)

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  4. Ich hab das Buch Mai 2011 gelesen und kann voll zustimmen. Eins der "schönsten" Bücher der letzten Jahre, die ich gelesen habe.
    Und wenn ich ehrlich bin, dann bin ich auch ein wenig neidisch.
    Naja, der Großstadttrubel hat ja auch was... ;)

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  5. Kann mich den Vorredner hier nur anschließen, habe das Buch auch gerade im Urlaub gelesen und bin total begeistert.

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