Dienstag, 3. Mai 2011

"Veganer ist schlimmer als Schwul-sein"

Auf der "Deutschen Welle" ist ein Artikel über Veganer veröffentlicht worden, den ich sehr lesenswert finde: 

"Sojacreme-Torte und fleischlose Wurst"

Der Artikel ist sehr vegan-positiv, die Autorin besucht einen Veganerbrunch und berichtet völlig vorurteilslos über das leckere Essen und ihre Begegnungen, u.a. ist auch Kim Wonderland da.

Traurig fand ich folgenden Bericht eines Veganers: 

Vegan – das ist für viele eine Lebenseinstellung. Sie schweißt zusammen, grenzt aber auch aus, wie Daniel berichtet, der als Lehrer an einem Dortmunder Gymnasium arbeitet: "Ich habe weniger Probleme mit meinem Schwulsein gehabt, als mit dem Veganer-Sein; man wird als Veganer doch häufiger komisch angeguckt."

Der Vergleich hört sich erstmal etwas krass an, aber genau so ist es doch, oder? Schwul ist "normaler" als vegan, allein schon wegen der Häufigkeit. Und inzwischen ist es in der Bevölkerung doch einigermaßen durchgesickert, dass man in einer toleranten Gesellschaft keine Schwulen ausgrenzen, diskriminieren oder beleidigen darf. Bei Veganern hingegen hat keiner Skrupel blöde Sprüche zu bringen, sich über mögliche Umstände zu beschweren, und offen zu sagen "du spinnst!". Man stelle sich mal vor, wie jmd sich als Schwuler outet, und dann kommt der Spruch "schwul heißt doch "zu blöd um eine Frau abzukriegen"" (analog zu "Vegetarier ist das lateinische Wort für "zu blöd zum Jagen""). Ich find's blöd wenn man sich selbst so als das Opfer sieht, und die ganze Welt um einen herum böse ist. Es gibt auch genug positive Beispiele, wo Leute toll reagieren, aber ich glaube wir haben noch ein ganzes Stück Aufklärung vor uns, bis Veganismus gesellschaftlich akzeptiert wird.

Kommentare:

  1. Naja, wer schwul ist kann eben nix dafür. Wer vegan lebt, hat sich selbstständig dazu entschieden und ist deswegen doof.

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    1. Heißt das, wenn man selbstständig denkt und SEINE Entscheidungen trifft, ist man doof? Wenn man sich also dazu entscheidet Fleisch, Eier und Milch zu konsumieren, ist das die EIGENE Entscheidung. Ergo: auch doof???
      Ich bin übrigens lesbische Veganerin, also nur bischen doof ;-)))

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  2. Ich habe ja eh schon immer mit Vorurteilen und Diskriminierung wegen meines Übergewichts zu kämpfen gehabt. Übrigens eine zweite Gruppe Menschen, bei denen die Gesellschaft offene Diskriminierungen duldet bzw. sogar normal findet: Dicke Menschen. Wer dick ist, muss eben damit rechnen doof angemacht zu werden; ist er doch selbst Schuld an seinem körperlichen Zustand (zu wenig Disziplin, zu viel Fast Food, zu wenig Bewegung).
    Bei Veganern ist es ähnlich. Hier findet eben auch eine indirekte Schuldzuweisung statt. Man entscheidet sich vegan zu leben. Also hat man Schuld und muss mit Häme etc. leben.
    Schwule und Lesben werden weitgehend anerkannt, da es sich hierbei eben über keine bewusste Entscheidung handelt (ich werd ab heute schwul), sondern über ein Gefühl, eine innerliche Disposition, gegen die sich nicht angehen lässt.
    Manchmal habe ich das Gefühl, dass vegan als eine Krankheit angesehen wird, die man bekämpfen muss.

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  3. Ich kann dir nur zustimmen, was die Gefahr angeht, sich in einer Opferrolle gegen den Rest der Welt zu sehen.
    Dabei erwische ich mich in letzter Zeit leider immer wieder.

    Irgendwie habe ich mich noch nicht von dem Schock erholt, wie vollkommen anders meine Mitmenschen auf mich reagieren und mich behandeln, seit ich vor ein paar Monaten mit Mitte 40 (fast vollständig) vegan wurde.

    Ich arbeite gerade daran, mein Selbstbewusstsein so zu stärken und so wach zu sein, dass ich konsequent auf Respekt bestehe, in jeder Situation. Ich will den Leuten klar und ruhig sagen können, dass sie unverschämt sind, wenn sie unverschämt sind.

    Ich muss aber auch daran arbeiten, meinen Respekt für Menschen nicht zu verlieren, die ganz anders handeln als sie reden. Mit dem Mund kaufen sie plötzlich alle ganz verantwortungsbewusst ein - zumindest, wenn ich in der Nähe bin. Mit ihrem Geld finanzieren sie in der Mittagspause Tierquälerei.

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  4. @Saskia
    Vorurteile sind eine Sache, offene Diskriminierungen nochmal ne andere. Bei dünnen sind offene Diskriminierungen auch kein Problem, die Leute haben noch viel weniger Skrupel Kommentare wie "Mensch deine Arme sind aber dünn" loszulassen, also ungefragt "du bist aber ganz schön dick" zu sagen. Ich finde es immer unangemessen, ungefragt das Äußere einer Person zu kritisieren, ob das jetzt Gewicht, Klamotten oder sonstwas ist.
    und in Sachen Religion erleben wir meines Erachtens auch gerade nen Rückschritt, ich hab den Eindruck dass Kopftuchträgerinnen oft schief angeschaut werden und wer sich offen zum Islam bekennt wird schnell als rückständiger Macho bzw. Unterwürfige abgestempelt.

    @Frau Springinsfeld
    richtig zu reagieren ist superschwer. meist ist man ja erstmal so perplex dass man entweder überreagiert oder gar nichts sagt, da muss ich auch noch an mir arbeiten.

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  5. @Mausflaus: Ich bin auch oft genug offen dumm angegangen worden. Nicht nur in der Schulzeit. Die letzte Situation war besonders "lustig". Da wollte mir eine Kellnerin beim Italiener einen Salat aufschwatzen, weil sie der Meinung war alles andere, dürfte ich mir bei der Figur nicht erlauben. Ich habe mich natürlich beschwert, aber Konsequenzen hatte das für die "nette" Kellnerin nicht; ich wurde aufgefordert das Restaurant zu verlassen, wenn ich ein Problem mit der guten Frau hätte. Nur so ein Beispiel ;-)
    Was religiöse Diskriminierung angeht muss ich dir leider Recht geben. Gerade im Praktikum wurde ich mit Vorurteilen dahingehend konfrontiert, dass es fast in jeder Klasse muslimische Mitschüler gab, die entweder komplett gemieden worden oder sich immer Sprüche wie "Bombenleger" reinziehen mussten. Ein Glück hatte ich die Chance da etwas mit aufzuräumen, weil ich im Unterricht den Islam besprochen habe und mehr als deutlich herausgearbeitet habe, dass Islam NICHTS mit Terror zu tun hat. Kapiert haben es dann auch alle, aber viele sagten auch (fand ich klasse!), dass vieles aus den Medien so rüberkommt, als wäre alles Eins.

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  6. @Saskia
    Wie krass! Ich glaub wenn ich sowas mitkriegen würde bzw. mir sowas passieren würde, würde ich tatsächlich das Restaurant verlassen - das ist ja wohl mal ne Frechheit! wenn man betroffen ist, ist man aber meist erstmal so perplex bzw. verletzt, dass man oft klein beigibt, ging mir schon oft so. im nachhein ärger ich mich, ich hätte eigentlich schon so oft auf den tisch hauen müssen...

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  7. @Mausflaus: Danke für den tollen Beitrag, du sprichst mir aus dem Herzen.

    @Springinsfeld: Das Selbstbewusstsein kommt mit der Zeit, aber man muss sich darauf einstellen, dass es immer ein Thema sein wird, was man isst.

    Die Menschen fühlen sich angegriffen wenn du sagst, dass du Veganer bist, denn jeder MUSS essen und jeder KANN entscheiden, was er isst. In dem Moment, wo du dich gegen die Masse und für deine Moral entscheidest, wird das wie ein offener Angriff auf die Moral der anderen wahrgenommen. Ich hab auch noch nicht DAS Geheimrezept gefunden, damit umzugehen, aber eines hab ich mir angewöhnt: Bei Menschen, die sonst liebenswert sind und dumme Kommentare gar nicht als solche wahrnehmen, sage ich was, ansonsten reagiere ich einfach nicht.

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  8. Als schwul und vegan lebender Mensch kann ich euch sagen, dass ich im Alltag nicht immer meine Sexualität preisgeben muss, aber bei jeder Situation die mit Essen zu tun hat, muss ich mich als Veganer outen. Anfeindungen gegen Schwule sind insofern krasser, weil es auf jedem Pausenhof gängiges Schimpfwort ist und religöse Fundis und Faschos dich teils sogar ermorden möchten.
    Anstrengende Situation mit der Familie und herrschendem Gesellschaftsmodell hast du bei beidem.
    Ich finde den Titel mit "ist schlimmer" etwas anstößig. Schlimm sind bitte Homophobie und Veggiephobe.
    Als Anarchist kann ich euch sagen, dass Diskriminierungen solcher Art grundsätzlich zu bekämpfen sind.
    One Struggle; One Fight!

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  9. stimmt wirklich: vegan muss man sich öfter outen als schwul. die bedingungen für veganes leben scheinen mir fast noch schwieriger als für das schwule leben. in letzterem hat sich in den vergangenen jahrzehnten doch einiges getan. bei "vegan" wissen die meisten leute noch nicht einmal, was das denn heißen soll.

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  10. was ich mich auch frage, ist, wie man mit schwulen und lesben in der veganen community umgeht. denn irgendwie sieht so manches, was man da im internet sieht, ein bisschen nach blut und boden (halt ohne blut), heile familie und ganz viel heterosexualität aus. da ich mal was über die lebensreformbewegung des 19. und 20. jahrhunderts gelesen habe, bin ich diesbezüglich etwas skeptisch.

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    1. das sind aber nur einige spinner; ich habe den eindruck, dass die vegane community ingesamt toleranter und etwas "moderner" ist.
      veganer sind doch über jeden überglücklich, der kein fleisch ist, die sexualität ist vollkommen egal ;-)

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    2. Nun ja.. Ich persönlich glaube ja, dass man sich als Veganer eher noch für andere 'Randgruppen' interessiert und für sie offen ist. Ich zum Beispiel ^^
      Und ich habe auch das Gefühl, dass das "Coming Out" als Veganer ähnlich schwierig ist wie das Coming Out und einfach auf eine andere Art..

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  11. Ich esse was ich will ud lass mir das nicht vorschreiben ihr ÖKOTERRORISTEN wollt. Ich wüßte schon wo Ihr hin gehört .

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  12. Wir essen auch was wir wollen! Und wenn wir alle dahin kommen, wo wir Deiner Meinung nach hin gehören, willst DU dann auf uns alle aufpassen?
    Warum muss man sich immer rechtfertigen für ein Leben ohne Tiere auszunutzen oder zu töten?

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  13. Ich esse vegan, arbeite aber hauptberuflich als Kükenshredderer.

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